Warum ein Drittel aller Abgänge in den ersten sechs Monaten passiert
· 6 Min. Lesezeit · von Stefan Bründl
Rund ein Drittel aller Abgänge passiert in den ersten sechs Monaten. Das ist die teuerste Form von Fluktuation — Sie haben investiert und nichts zurückbekommen. Und es ist die vermeidbarste.
Der Denkfehler beim Onboarding
Die meisten Einarbeitungspläne sind fachlich. Systeme, Prozesse, Produktwissen, Ansprechpartner. Das ist notwendig — und beantwortet keine einzige der Fragen, die tatsächlich über das Bleiben entscheiden.
Wer neu anfängt, stellt sich drei andere Fragen:
- War meine Entscheidung richtig? Stimmt, was mir im Gespräch versprochen wurde?
- Werde ich hier gebraucht? Merkt jemand, ob ich da bin?
- Wohin führt das? Gibt es hier eine Zukunft für mich?
Ein fachlich perfektes Onboarding kann alle drei Fragen unbeantwortet lassen.
Der Moment, in dem es kippt
In der Regel Woche drei bis sechs. Die erste Neugier ist weg, der Alltag hat übernommen, und die Person vergleicht zum ersten Mal nüchtern: Was war versprochen, was ist eingetreten?
Die häufigste Erkenntnis in diesem Moment: Die Aufgabe ist eine andere. Der Handlungsspielraum ist kleiner. Und der Chef ist nicht der, der im Vorstellungsgespräch saß.
Diese Menschen kündigen selten sofort. Sie bleiben, bis es unauffällig geht — und sind ab Woche drei ansprechbar für Angebote von außen.
Woran Sie es erkennen
- Fragen werden weniger, obwohl noch nicht alles klar ist
- Keine Beteiligung an Themen, die über die eigene Aufgabe hinausgehen
- Auffällig pünktliches Kommen und Gehen nach anfänglichem Mehreinsatz
- Zurückhaltung bei Planungen, die über das Quartal hinausreichen
Was tatsächlich hilft
Der Abgleich in Woche vier
Ein Gespräch mit genau einer Frage: „Was ist anders, als du es erwartet hattest?" Nicht „wie läuft es" — darauf antwortet jeder höflich. Die Abweichungsfrage bringt die Wahrheit.
Wichtig: Was Sie hören, müssen Sie nicht lösen können. Aber Sie müssen es hören, bevor die Person es für sich allein entschieden hat.
Ein sichtbarer erster Erfolg
Neue Mitarbeitende brauchen in den ersten Wochen etwas, das sie abschließen und vorzeigen können. Nicht die große Aufgabe — eine kleine, die sichtbar wird. Das beantwortet die Frage „werde ich gebraucht" schneller als jedes Gespräch.
Perspektive vor der Probezeit
Die meisten Unternehmen sprechen erstmals kurz vor Ablauf der Probezeit über die Zukunft. Das ist zu spät — die Entscheidung ist bei vielen längst gefallen. Führen Sie das Gespräch nach zwei Monaten.
Ehrlichkeit im Vorstellungsgespräch
Der wirksamste Hebel liegt vor dem ersten Arbeitstag. Wer im Bewerbungsgespräch beschönigt, produziert Frühfluktuation. Nennen Sie die zwei Dinge, die an der Stelle unangenehm sind. Wer trotzdem kommt, kommt mit offenen Augen — und bleibt.
Die Rechnung
Ein Abgang in der Probezeit kostet Sie Recruiting, Einarbeitung und den kompletten Wiederholungsaufwand — ohne jeden Gegenwert. Bei einer Fachkraft mit 50.000 Euro Jahresgehalt sind das schnell 30.000 bis 40.000 Euro.
Ein strukturiertes Gespräch in Woche vier kostet Sie 45 Minuten.
Über 20 Jahre Führungsverantwortung, dazu Jahre als Personaldienstleister. Heute berät er Geschäftsführer im Mittelstand dabei, Fluktuation systematisch zu senken. Mehr erfahren →
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